Glashaus (1914)

Das Glashaus (auch Glaspavillon) ist ein Rundbau mit Kuppel, der 1914 von Bruno Taut als Ausstellungspavillon für die Kölner Werkbundausstellung geschaffen wurde. Er bestand aus Beton, farbigem Glas und Stahl und stellte für Taut eine Einheit von Natur, Kunst und Technik dar. Das Bauwerk wurde dem frühen Expressionismus zugerechnet.[2]
Im August 1914 musste die Ausstellung im Zuge der Mobilmachung des Ersten Weltkriegs geschlossen werden. Das Gebäude verfiel in den Jahren danach und wurde abgebrochen.
Geschichte
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Der seit 1907 bestehende Deutsche Werkbund hatte sich innerhalb kurzer Zeit etabliert. Nicht nur Künstler und Entwerfer gehörten ihm an, sondern auch Großbetriebe der Fertigwarenindustrie, Publizisten, Politiker und weitere Personen des öffentlichen Lebens. Das Budget der Werkbundausstellung in Köln betrug fünf Millionen Reichsmark und es wurden insgesamt 50 Bauten gezeigt. Dennoch hoben sich nur wenige Bauten innovativ aus der Masse der Ausstellungsbauten heraus. Dazu gehörten der Theaterbau von Henry van de Velde und das Büro- und Fabrikgebäude von Walter Gropius.[3]
Bruno Tauts Glashaus gehörte nicht zum ursprünglichen Bauprogramm des Werkbundes; er erhielt keinen Bauauftrag der Ausstellungsleitung. Vielmehr wurde sein Bau wie andere Reklamebauten auf dem Gelände behandelt. Ihm wurde ein Bauplatz zugewiesen und er erhielt einen kleinen Zuschuss zu den Baukosten. Das Glashaus war auch kein Werbeprojekt einer einzelnen Firma oder eines Industrieverbandes. Vielmehr trat das Architekturbüro Taut & Hoffmann selbst als Bauherr auf und akquirierte dazu noch verschiedene Hersteller, die sich an der technischen Ausstattung und Finanzierung beteiligten. Der überwiegende Teil der Kosten, damals 20.000 Reichsmark, verblieb beim Architekten. Die Schwierigkeiten bei der Sicherstellung der Finanzierung und die ablehnende Haltung der Ausstellungsleitung gegen sein Projekt führten dazu, dass der Bau erst vier Monate vor Ausstellungsbeginn begonnen wurde.[3] Auf Grund des Kriegsbeginns 1914 wurde die Werkbundausstellung frühzeitig abgebrochen und das Militär nutzte das Gelände.
Im Juli 1916 wurde Bruno Taut aufgefordert, die Reste des Pavillons, die nur noch aus ruinösen Teilen des Rohbaus bestanden, auf seine Kosten entfernen zu lassen. Mitten im Krieg fehlten ihm dazu die auf 5.000 Reichsmark geschätzten Mittel. Deshalb wandte er sich an Karl Ernst Osthaus, der ihn früher bereits gefördert hatte. Osthaus hatte die Idee, die Ruine vom Militär zu Übungszwecken sprengen zu lassen und den Schutt im Bahndammbau zu verwerten. Die Eisenbahndirektion war einverstanden, jedoch lehnte das Militär aus dienstlichen Gründen ab.[4]
Lage
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Das Gelände der Kölner Werkbundausstellung lag am rechten Rheinufer in Köln-Deutz. Es war in drei Zonen eingeteilt. Im Süden lag neben der Bahnstrecke von der Hohenzollernbrücke zum Bahnhof Deutz ein Vergnügungspark. Dieser Park war vom Werkbund hingenommen worden, da er zur Finanzierung des Gesamtprojekts beitrug. Es gab aber keine thematische Auseinandersetzung der Werkbundarchitekten mit diesen stark von Geschwindigkeit und innovativer Technik geprägten Vergnügungen.[5]
Zwischen dem Rummel und dem Rheinufer befanden sich die Straßenbahnhaltestellen und die Kassen. Die eigentlichen Werkbundprojekte lagen im Westen des Veranstaltungsgeländes. Dazwischen verband ein nicht befestigter, bei schlechtem Wetter schlammiger Weg das östliche und das westliche Grundstück. Das Glashaus von Bruno Taut befand sich an diesem Weg. Der Standort gehörte noch nicht zum eigentlichen Ausstellungsbereich des Werkbundes. Hinter dem Glashaus reihten sich der Bahnhof der Ausstellungsbahn, der Pavillon der Firma Steinhäger, ein Gewächshaus sowie die Feuer- und Polizeiwache auf. Danach folgte das Pforten- und Verwaltungsgebäude von Carl Moritz. Erst dort begann die eigentliche künstlerische Werkschau.
Taut war mit dem ihm zugewiesenen Platz nicht einverstanden. Er empfand die Zuweisung dieses Bauplatzes als Verbannung vom eigentlichen Werkbund-Teil des Ausstellungsgeländes, was wohl vom überwiegenden Teil der Ausstellungsleitung auch so gemeint war. Versöhnlich stimmte Taut nur die Nähe zum Vergnügungspark.[5]
Funktion
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Gebäude fungierte als Werbepavillon der Glasindustrie. Es war ein Versuchsbau, an dem verschiedene neue Glasbautechniken ausprobiert wurden.[6]
Für Bruno Taut war das Haus mit seinen Stimmungen und Licht- und Farbwirkungen darüber hinaus auch sakral, er wollte „… ein Gewand für die Seele … bauen“. Weiter realisierte er mit dem Projekt eine Stadtkrone, wie er sie später in den Phantasien der Gläsernen Kette vertiefend untersuchte.[6]
Beschreibung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Gebäude ruhte auf einem übermannshohen abgerundeten Betonsockel, zu dessen Füßen Glaskugeln aufgereiht waren. Über 14 schmalen quadratischen Stützen und einem Betonring erhob sich eine Glaskuppel aus Prismen. Sie bildeten eine leicht spitze rhomboedrische Kuppel. Die Farben des Glases entwickelten sich aus einem Tiefblau unten am Gebäude. Es ging nach oben in ein Moosgrün über. Dann wandelte sich die Farbwirkung zu einem Goldgelb und in der Kuppelspitze klangen die Farben strahlend weißgelb aus. Vermutlich waren die Töne pastellig weich.[7]
Die Besucherlenkung des Gebäudes entsprach einer inszenierten Dramaturgie. Über sieben Treppenstufen konnte man sich aus drei Richtungen dem Gebäude nähern und wurde dann über zwölf weitere Stufen zwischen zwei Wänden zur Kasse gelenkt. Danach gelangte man rechts und links außen über zwei geschwungene Treppen nach oben. Oberhalb der Treppen zwischen den äußeren Säulen war das Gebäude offen. Innen befand sich die Wand eines Glaszylinders. Die Gäste erreichten über diese Treppen einen großen, von der Außenwelt abgeschirmten, von sanften Lichtstimmungen geprägten Raum. Über dem Raum befand sich die zweischalige Glaskuppel aus Spiegeln und farbigen Glasfeldern. Sieben Glaskugeln aus Milchglas hingen unter der Kuppel. In der Mitte war eine Traube aus bunten Lichtern abgehängt (Entwurf Franz Mutzenbecher). In der Mitte dieses Zentralraumes befand sich unter der Lichttraube eine runde Bodenöffnung, unter der eine spiegelnde Wasserfläche lag. Die Lichtstimmung wurde insgesamt als warm, milde und schattenlos beschrieben.[8]
Über eine enge innere Treppe erreichten die Gäste einen unteren Raum mit völlig anderem Licht. Hier gab es kräftige Farben. Die vom oberen Raum nur teilweise sichtbare bewegte Wasserfläche strömte über eine von unten beleuchteten Kaskade abwärts. Das Wasser wurde beim Herabfließen durch verschiedene Elemente individuell gelenkt. Der Raum war axial gegliedert und an den Wänden gab es bunte Mosaiken aus Glas und Keramik. Die runde Öffnung in der Decke zwischen dem Kuppelsaal und dem Saal darunter war Bestandteil eines bunten, gewölbten Decken-Auges über der Wasserfläche. Rechts und links der Kaskade führten Treppen nach unten zu einer dunklen Nische, in der eine motorgetriebene, kaleidoskopartige Projektion spielte (Hersteller Ed. Liesegang, Fabrik optischer Apparate, Künstler: Franz Mutzenbecher, Adolf Hölzel u. a.). Danach verließen die Gäste das Haus unvermittelt über kleine, seitliche Ausgänge. Sie standen plötzlich wieder auf dem Niveau des Außengeländes „im Alltag“.[8]
Taut beabsichtigte, mit dem Glashaus ein der Natur ebenbürtiges Werk zu schaffen.[9] Verschiedene Entwurfs-„Elemente“ wurden auch als Sterne, Atome oder Moleküle gelesen.[10]
- Glashaus
- Glashaus, Eingang
- Decke mit farbiger Lichttraube
- Bodenöffnung oberer Raum
- Interne Treppe
- Wasserfall
- Mosaiken
- Rückseite, Ausgang
Glashausarchitektur bei Paul Scheerbart
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bruno Taut war mit Paul Scheerbart befreundet, der mehrere Architekturvisionen schuf und das Glashausprojekt begeistert aufnahm.[11] In einer dieser Scheerbartschen Visionen ist die Erde tot und schneebedeckt. In den Schnee streuen Engel bunte Glashäuser mit doppelten Glaswänden, die den Bewohnern als Schutz vor der Kälte dienen sollen. Die Bewohner sind nicht zu sehen. Die Glashülle schirmt die Außenwelt vom Inneren ab und umgekehrt. Am Ende der Vision werden die Glashäuser von den Engeln wieder aufgesammelt und die Erde entschwebt durch das Universum.[12]
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Julius Posener befasste sich in drei seiner Vorlesungen zur Geschichte der neuen Architektur mit Bruno Taut und dem Glashaus. Er sah in dem Bau das erste Gebäude des Expressionismus.[12] Posener nannte das „Glashaus auf der Kölner Werkbundausstellung […] das einzige Kunstwerk unter den Bauten der Ausstellung […]“[13] und assoziierte den Bau mit einem Kristall, mit Vollendung und Tod. Er zitierte Bruno Taut mit der Aussage, die Kunst wolle ein Abbild des Todes sein. Gleichzeitig suche Taut aber nach einer neuen Gesellschaft und einer gestalterischen Utopie. Posener sieht in ihm einen Vordenker, der mit dem Glashaus, den Utopien der Alpinen Architektur und dem Austausch in der Gläsernen Kette wichtige Impulse gab.[13]
Posener vergleicht das Glashaus mit dem Fabrik- und Bürogebäude von Walter Gropius, dass im offiziellen Teil der Werkbundausstellung 1914 gezeigt wurde. Der Bau von Gropius war innovativ und nutzte neue Industrietechniken zur Realisierung heller, durchsichtiger Fassaden. Die industriellen Fortschritte wurden benutzt, obwohl Gropius bis weit nach dem Krieg die Haltung des Handwerks vertrat. Tauts Bau dagegen schließt die Außenwelt mit seiner undurchsichtigen, bunten, spiegelnden Fassade aus. Er verwendete dabei Industrieprodukte, ohne durch die Industrietechnik die Form des Bauwerks bestimmen zu lassen.[14]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Angelika Thiekötter: Kristallisation, Splitterungen. Bruno Tauts Glashaus. Birkhäuser Verlag, Basel / Berlin / Bosten 1993, ISBN 3-7643-2895-9.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Das Glashaus von Bruno Taut - Werkbundarchiv – Museum der Dinge. Abgerufen am 2. November 2026 (deutsch).
- ↑ Expressionismus – Die kleine Baumeister-Stilgeschichte. In: Baumeister. Abgerufen am 6. September 2026.
- 1 2 Angelika Thiekötter: „Wie ein verhaltenes Gähnen ...“. In: Werkbund Archiv mit MD Berlin (Hrsg.): Kristallisationen, Splitterungen. Bruno Tauts Glashaus. Birkhäuser, Basel 1993, S. 13–16.
- ↑ Birgit Schulte: Dekonstruktion. In: Werkbund Archiv mit MD Berlin (Hrsg.): Kristallisationen, Splitterungen. Bruno Tauts Glashaus. Birkhäuser, Basel 1993, S. 158, 159.
- 1 2 Angelika Thiekötter: Futuristenkneipe. In: Werkbund Archiv mit MD Berlin (Hrsg.): Kristallisationen, Splitterungen. Bruno Tauts Glashaus. Birkhäuser, Basel 1993, S. 23–25.
- 1 2 Angelika Thiekötter: Erste Annäherung. In: Werkbund Archiv mit MD Berlin (Hrsg.): Kristallisationen, Splitterungen. Bruno Tauts Glashaus. Birkhäuser, Basel 1993, S. 11.
- ↑ Angelika Thiekötter: Unwirkliche Wirkung und Wirklichkeit. In: Werkbund Archiv mit MD Berlin (Hrsg.): Kristallisationen, Splitterungen. Bruno Tauts Glashaus. Birkhäuser, Basel 1993, S. 43–50.
- 1 2 Angelika Thiekötter: Alles fließt, alles bewegt sich ... In: Werkbund Archiv mit MD Berlin (Hrsg.): Kristallisationen, Splitterungen. Bruno Tauts Glashaus. Birkhäuser, Basel 1993, S. 26–29.
- ↑ Angelika Thiekötter: Das freie Spiel der Kräfte. In: Werkbund Archiv mit MD Berlin (Hrsg.): Kristallisationen, Splitterungen. Bruno Tauts Glashaus. Birkhäuser, Basel 1993, S. 35–39.
- ↑ Angelika Thiekötter: Das Kölner Werk und der "Weltbaumeister". In: Werkbund Archiv mit MD Berlin (Hrsg.): Kristallisationen, Splitterungen. Bruno Tauts Glashaus. Birkhäuser, Basel 1993, S. 67–71.
- ↑ John A. Stuart: Unweaving Narrative Fabric: Bruno Taut, Walter Benjamin, and Paul Scheerbart’s The Gray Cloth. (PDF) In: architecture-history.org. Abgerufen am 30. September 2026 (englisch).
- 1 2 Julius Posener: 10. Hans Poelzig, Bruno Taut und der Expressionismus. In: Vorlesungen zur Geschichte der Neuen Architektur (II). Die Architektur der Reform (1900–1924). Nr. 53. Arch+, Aachen September 1980, S. 54.
- 1 2 Julius Posener: 11. Bruno Taut I. – Vor 1914. In: Vorlesungen zur Geschichte der Neuen Architektur (II). Die Architektur der Reform (1900–1924). Nr. 53. Arch+, Aachen September 1980, S. 58.
- ↑ Julius Posener: 12. Bruno Taut II – Visionen, Gläserne Kette. In: Vorlesungen zur Geschichte der Neuen Architektur. Die Architektur der Reform (1900–1924). Nr. 53. Arch+, Aachen September 1980, S. 64, 65.
Koordinaten: 50° 56′ 42″ N, 6° 58′ 12″ O